Autor Thema: Magische Orte auf dem Camino Frances  (Gelesen 4101 mal)

Peter K

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Magische Orte auf dem Camino Frances
« am: Juli 07, 2016, 23:21:17 Nachmittag »
Ich hatte einen für mich "magischen Abend" auf dem Camino erlebt. Es war ein Zusammentreffen von sechs Pilgern in San Juan de Ortega, als Pfarrer Maria Alonso noch lebte. In einem baufälligen Nebenschuppen hatten wir seine "berühmte" Knoblauchsuppe und seine letzten Rotweinschläuche geleert. Bis in den frühen Morgen hinein philosophierten wir über die Ausstrahlung des Caminos und der Menschen die diesen Weg auf sich nehmen.

"El camino no existe, el Camino somos nosotros, cada uno de nosotros con sus experiencias"
Der Weg existiert nicht, der Weg sind wir, jeder einzelne von uns mit seinen eigenen Erfahrungen.
Dieser Satz hat mich tief berührt und begegnet mir immer wieder in meinen Gedanken.

Was sind eure magischen Begegnungen an die ihr euch erinnert ?
An welche "magischen Orte" erinnert ihr euch?
Was sollte man unbedingt erlebt, gesehen haben?

buen Camino
Peter
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Gertrudis

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Re: Magische Orte auf dem Camino Frances
« Antwort #1 am: Juli 08, 2016, 09:34:22 Vormittag »
Ja, lieber Peter, das sind die ganz besonderen Momente, die sich unvergesslich in die Erinnerung eingraben und weiterwirken... "mágico..." - auf spanisch trifft das Wort die Sache irgendwie noch besser, finde ich, im Deutschen klingt irgendwie sowas Schwarzemessenmäßiges mit...


Was sollte man unbedingt erlebt, gesehen haben?

Aber ist dieser letzte Satz vielleicht nicht doch eher kontraproduktiv...

Bei Ligonde gibt es dieses Cruceiro mit der riesigen Eiche. Da saß ich lange auf früheren Caminos und ließ mich von der "magía", oder Heiligkeit des Platzes durchströmen...
2008 dann waren dann dort Bänke und Einfassungsmäuerchen aufgestellt und außerdem eine Hinweistafel, dass hier ein beachtenswerter Ort sei, den man unbedingt gesehen haben soll... und der Platz war zertrampelt, Brotzeitreste und Verpackungen lagen überall herum, am Rand leuchteten weiß die Papierreste von Pilgerhinterlassenschaften und ein Pilger verrichtete auch gerade sein Geschäft da am heiligen Ort.

Vor 3 Jahren war die Hinweistafel wieder verschwunden. Ich saß wieder allein unter der Eiche, während daneben, auf dem Weg, die Pilgerscharen in munterem Geplauder vorbeizogen, ohne irgendetwas "Magisches" zu bemerken...
2015: C. Lebaniego, Ruta de la Reconquista: 
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Mario d'Abruzzo

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Re: Magische Orte auf dem Camino Frances
« Antwort #2 am: Juli 08, 2016, 10:19:35 Vormittag »
Vor 3 Jahren war die Hinweistafel wieder verschwunden. Ich saß wieder allein unter der Eiche, während daneben, auf dem Weg, die Pilgerscharen in munterem Geplauder vorbeizogen, ohne irgendetwas "Magisches" zu bemerken...

✌️

Pace e Bene

Fred M@rio

Mario d'Abruzzo

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Re: Magische Orte auf dem Camino Frances
« Antwort #3 am: Juli 08, 2016, 10:26:31 Vormittag »
"El camino no existe, el Camino somos nosotros, cada uno de nosotros con sus experiencias"
Der Weg existiert nicht, der Weg sind wir, jeder einzelne von uns mit seinen eigenen Erfahrungen.

Hmmmh.

'Wir sind der Weg.'

„Was ihr den Geist der Zeiten heißt,
Das ist im Grund der Herren eigner Geist,
In dem die Zeiten sich bespiegeln.“
Faust zu Wagner

Pace e Bene

Fred M@rio

SanchoPansa

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Re: Magische Orte auf dem Camino Frances
« Antwort #4 am: Juli 08, 2016, 12:09:56 Nachmittag »
Ein schönes Thema!

Was sind eure magischen Begegnungen an die ihr euch erinnert ? An welche "magischen Orte" erinnert ihr euch?
Was sollte man unbedingt erlebt, gesehen haben?

Meine "magischen" Momente wären vielleicht für andere gar nicht so magisch, dass ich sie unbedingt anderen empfehlen würde - aber sei's drum: der Abend in der Herberge in Granon war ein tiefgehendes und bewegendes Ereignis. Wunderbar war auch der Camino duro im Oktober, als wir tagsüber durch die Kastanienwälder bei strahlendem Sonnenschein liefen und abends am Kamin Kastanien rösteten. Irgendwie "magisch" finde ich auch die Ruhe vieler spanische Städte ganz allgemein bei Sonnenaufgang - tagsüber+abends ist der Trubel manchmal kaum auszuhalten, frühmorgens liegen z.B. Logrono und Leon vollkommen ruhig und golden in den ersten Sonnenstrahlen.

Noch mehr faszinierende Momente hatte ich allerdings auf anderen Wegen als dem Camino Frances, jetzt gerade auf der Via Podiensis, vor allem was die Begegnung mit Menschen angeht. Aber hier geht's ja um den CF.

Mit "magischen" Orten und Momenten ist es natürlich so: sie sind hochgradig individuell und würden ihren Zauber verlieren, wenn sie jeder erlebt. Das trifft ja in gewisser Weise auf den gesamten CF zu. Vielleicht sollte man sich den Eskimo-Effekt zunutze machen ;).

Sancho
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S.Yates

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Re: Magische Orte auf dem Camino Frances
« Antwort #5 am: Juli 08, 2016, 19:28:19 Nachmittag »
Ich erinnere mich gerne an zwei magische Sonnenuntergaenge, einen auf dem Felsen in Arres (Camino Aragones) und einen auf den bodegas in Bercianos (CF) sitzend. Einfach mit anderen Pilgern dasitzen und schweigen - das war schoen. Buen Camino con mucha magica buena, SY
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Annkatrin

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Re: Magische Orte auf dem Pilgerweg
« Antwort #6 am: Juli 08, 2016, 20:02:53 Nachmittag »
Für mich war es ein magischer Moment, dass ich in Bardowick bei einem span. Kirchenmusiker und ehem. Mönch ein Pilgerbett bekam Er wohnt im Nikolaihof, der als Hospiz für die Aussätzigen errichtet wurde. Nach dem Essen sind wir in die Kirche gegangen und haben eine Altkatholische Liturgie, sein Abendgebet,gesungen. Er drückte mir einige zettel in die Hand mit der Bemerkung, ich solle den deutschen Text singen. Den lateinischen sang er.
Das war nun nicht auf dem Camino Frances, aber es hat mich sehr berührt.

Annkatrin
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Peregrina29

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Re: Magische Orte auf dem Camino Frances
« Antwort #7 am: Juli 09, 2016, 22:17:58 Nachmittag »
Für mich waren es weniger magische Orte als magische Momente. Ganz hauptsächlich Momente mit anderen Pilgern, oftmals mit ziemlich unbekannten, die aus dem Nichts auftauchten und wieder verschwanden, aber durch eine kurze Bemerkung, eine kurze Unterhaltung, einen kurzen Denkanstoss ganz viel bei mir bewirkt haben. Sodass ich mich hinterher fragte "war das eigentlich ein Zufall?". Das Gefühl, dass es oft eben kein reiner Zufall war, war erst recht magisch.

Aber auch die Magie, wenn sich manche Menschen plötzlich öffnen können, plötzlich zu weinen anfangen. Wenn man sich versteht, ohne grosse Worte, ohne die Sprache des anderen eigentlich zu verstehen, ohne auch nur im entferntesten in dessen Lage zu sein.

Die Magie, dass ich auch gestern noch Gänsehaut bekommen habe, wenn ich das Lied "Alegria" höre, mit dem ich vor vielen Jahren lautstark in einer magischen Herberge in Ruitelan geweckt worden bin. Dass ich heute noch einen selbstgebastelten Stern habe, den die Nonnen in Carrion de los Condes uns abends in der Pilgermesse gegeben haben. Die Magie, dass in Pilgermessen ganz normale Pilger etwas vorlesen können und man Gänsehaut bekommt. Die Magie, wie man zu einem schwingenden Weihrauchkessel schluchzen kann. Die Magie, dass normale kleine Füsse einen normalen kleinen Menschen von der einen Seite eines grossen Landes auf die andere Seite eines grossen Landes tragen können.
Die Magie, mit der Natur verbunden zu sein und zugleich ihren Launen ausgeliefert zu sein.

Die Magie, auf einem Camino genau das zu bekommen, was man braucht.

Die Magie, wenn man selber für einen kleinen Moment ein Engel auf dem Camino sein darf, :-)
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Peter K

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Re: Magische Orte auf dem Camino Frances
« Antwort #8 am: Juli 10, 2016, 19:58:44 Nachmittag »
Sancho, eine schöne Eskimo Geschichte. Sie macht mich nachdenklich, genauso wie Gertrudis riesige Eiche bei Ligonde, oder das Lied Alegria das Peregrina29 in der Herberge Ruitelan gehört hat.

Wie kann ich einem interessierten Menschen diese magischen Momente überhaupt erklären, ohne ihn damit automatisch in eine Erwartungshaltung zu bringen, genau das gleiche erleben zu wollen?

Sind die magischen Momente immer nur einmalig, oder lassen sie sich wiederholen, eventuell sogar planen?

"Es gibt nur zwei Tage die unveränderbar sind
der eine war Gestern, der andere ist Morgen"
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Hedi

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Re: Magische Orte auf dem Camino Frances
« Antwort #9 am: Juli 14, 2016, 09:13:49 Vormittag »

Einen besonderen Moment auf meinen Pilgerwegen habe ich auf der Via Podiensis erlebt. In der sehr besonderen Klosterkirche in Sauvelade habe ich einen Pilger wiedergetroffen, zu dem es immer mal wieder einen kurzen Kontakt gab. Ich dachte, er sei schon viel weiter  und war überrascht, ihn in der Kirche anzutreffen. Er wollte dort singen und fragte mich nach einem Lied, welches wir gemeinsam singen könnten. Ganz fix kamen wir auf dona nobis pacem. In der Kirche waren nur wir zwei. Wir sangen im Kanon, es war unbeschreiblich schön und ergreifend. Ohne weitere Worte gingen wir danach aus der Kirche. Jeder ging danach seinen Weg und es gab keine Begegnung mehr.   Hedi
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Caminonator

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Re: Magische Orte auf dem Camino Frances
« Antwort #10 am: Juli 22, 2016, 06:02:35 Vormittag »
Einer meiner magischsten Momente war, als ich morgens über die Hügelkuppe hinter Castrojeriz kam und die Meseta vor mir lag.
Es war ein Morgen ende April und das gleißende Sonnenlicht strahlte die Meseta aus und vor mit malte sich der Weg in die Landschaft.
Ich fühlte in diesem Moment sowas von Erleichterung, als wenn was von mir abfällt und hatte das Gefühl, genau jetzt auf dem Camino und bei mir angekommen zu sein.
Das ist ein Moment der mir unvergessen bleibt.
Ab da war der Weg irgendwie anders.....

Tom
« Letzte Änderung: Juli 22, 2016, 06:05:54 Vormittag von Caminonator »
Geh so weit du sehen kannst, und wenn du da bist, siehst du weiter.
Zitat von... keine Ahnung, aber treffender kann man es nicht ausdrücken.

Mimsi

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Re: Magische Orte auf dem Camino Frances
« Antwort #11 am: Juli 22, 2016, 17:11:00 Nachmittag »
 Für mich war ein besonders " magischer" spiritueller Eindruck in der kleinen Kirche der Pilgerherberge in Ponferrada.

Abends vor der Pilgermesse hat der Pfarrer jeden  in der Kirche anwesenden Pilger gefragt woher er käme. Es waren an diesem Abend etwa 12 oder 13 verschiedene Nationen.

Als es zum " Vater unser " beten kam, bat der Priester darum, das jede Nation nacheinander ! in seiner Heimatsprache das "Vater unser" laut  betet.

Das war für mich einer der beeindruckensten Momente auf dem Camino. Das Gefühl, zu einer weltumspannenden Glaubensgemeinschaft zu gehören , war in diesem Moment für mich überwältigend.
 
Moni

Jakobina

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Re: Magische Orte auf dem Camino Frances
« Antwort #12 am: Juli 24, 2016, 16:40:29 Nachmittag »
Die Abendmesse in Najera, als der Pfarrer alle Pilger an den Altar bat und die Glocke an der Jakobusstatue läuten  hieß, um Jakobus um seinen Schutz zu bitten. Anschließend bat er uns in die Sakristei, gab jedem einen Stempel zusammen mit einem handgemalten Symbol in den pilgerpass und schenkte jedem einen kleinen Kettenanhänger, verbunden mit guten Wünschen für den weiteren Weg.
Ich trage ihn grad eben...
In Ruitelan das Wecken mit dem Ave Maria.
Am Primitivo auf der Hospitalesroute zuzuschauen wie sich die Nebel lichten oder am Alto de Acebo den Nebel wie Schnee unten im Tal liegen zu sehen und darüber den makellos blauen Himmel ... [emoji18]
Jakobina

artemisia

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Re: Magische Orte auf dem Camino Frances
« Antwort #13 am: Juli 24, 2016, 19:40:26 Nachmittag »
ja , ruitelan war ein magischer ort für mich , unvergesslich ........ uns wurden die füße gewaschen .......

artemisia

Klaus Gerd

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Re: Magische Orte auf dem Camino Frances
« Antwort #14 am: Juli 26, 2016, 11:59:34 Vormittag »
Ja Moni,
der Pfarrer ist Miguel Angel Peréz, der jahrelang die Messe jeden Abend in der Kirche an der
Pilgerherberge las. Ich feierte im vergangenen Jahr mit, als er zur Erinnerung an 25- jährige
ehrenamtl. Hospitalerotätigkeit vor der Herberge St.Nikolaus d. Flühe eine Gedenktafel freigab,
die einen Hospitalero zeigt, der seine Gäste mit offenen Armen empfängt.
Er ist die Seele der Herberge. Leider hat er nicht mehr so viel Zeit, da er andere Arbeiten dazu
bekam. Wenn Du mir eine persönl. PN mit e-mail schickst, sende ich Dir Fotos.
Ich höre ihm immer noch gerne zu, weil er ein schönes Spanisch spricht, das ich verstehe.
Herzlichen Gruß!
Klaus Gerd