Autor Thema: Süddeutsche Zeitung: Zeit für die Entteufelung des Judas  (Gelesen 567 mal)

Mario d'Abruzzo

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Süddeutsche Zeitung: Zeit für die Entteufelung des Judas
« am: April 01, 2018, 13:31:39 Nachmittag »
Süddeutsche Zeitung: Es ist Zeit für die Entteufelung des Judas

Manchmal trifft man seine heimlichen Gedanken im wirklichen Leben:

Zitat (Quelle): "Die Figur des Judas wurde jahrhundertelang instrumentalisiert. Sie hat den Antisemitismus beflügelt und für Gnadenlosigkeit gegenüber Verrätern gesorgt. Ostern ist die Zeit für einen neuen Blick."

Unbedingt lesenswert.

Ein weiteres Zitat, der letzte Abschnitt des Artikels: "In Burgund, in der Basilika Sainte-Marie-Madeleine+, sieht man eine wundersame Darstellung: Dort nimmt Christus den Leichnam des erhängten Judas auf seine Schultern und trägt ihn wie der gute Hirt das verlorene Schaf. Das ist ein Osterbild."

Mario

+ Ste-Marie-Madeleine (Vézelay)Exerzitien mit P. Pius (Kapuziner) - Judas und der gute Hirt (Bildmeditation über ein Säulenkapitell in der Kathedrale Sainte Marie-Madeleine, Vézelay), Zitat (Quelle): "Das Judaskapitell von Vézelay ist zweifellos ein starkes, ein faszinierendes Bild.
Eindrucksvoller lässt sich die grenzenlose Barmherzigkeit Gottes nicht darstellen.
"

Edit: Frankreichs mythische Orte E40: Vézelay Doku (2012) YouTube-Link 26:04
« Letzte Änderung: April 01, 2018, 16:31:27 Nachmittag von Mario d'Abruzzo »
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SanchoPansa

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Re: Süddeutsche Zeitung: Zeit für die Entteufelung des Judas
« Antwort #1 am: April 01, 2018, 21:11:30 Nachmittag »
Zitat (Quelle): "Die Figur des Judas wurde jahrhundertelang instrumentalisiert. Sie hat den Antisemitismus beflügelt und für Gnadenlosigkeit gegenüber Verrätern gesorgt. Ostern ist die Zeit für einen neuen Blick."

Danke für den Hinweis, ich habe eben gerade zum zweiten Mal den Film Maria Magdalena im Kino gesehen. Trotz einiger Abstriche sehr sehens- und damit empfehlenswert. Im Anschluss hatte ich mit meiner Bekannten, die mit mir drin war, genau diese Diskussion zur Rolle des Judas. Daher hier nur kurz die Deutung aus dem Film, die einige nicht-biblische Freiheiten mit einbezieht:

Im Film hat Judas seine Frau und seine Tochter durch eine Hungersnot und die Unbarmherzigkeit der Römer verloren. Er setzt alle seine Hoffnungen in Jesus (insbesondere nach der Wiedererweckung des Lazarus), dass dieser den ungerechten Tod seiner Familie rückgängig macht und sie ebenso ins Leben zurückholt. Judas ersehnt Gerechtigkeit und bittet daher Jesus mehrfach darum, endlich gegen das römische Unrecht, das Israel und seiner persönlichen Familie widerfahren ist, tätig zu werden.

Judas verrät Jesus, um den Druck auf ihn zu erhöhen, endlich Stellung zu beziehen und gegen die Römer zu handeln, wenn er sich persönlich retten will. Als Jesus am Kreuz hängt erkennt Judas, dass Jesus seine eigene Rettung nicht anstrebte und nicht verhinderte. Judas' einzige Möglichkeit, mit seiner Familie wieder vereint zu sein besteht darin, ihr freiwillig in den Tod nachzufolgen.

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Mir gefällt die Judas-Deutung des Maria-Magdalena-Films, weil sie schonmal überhaupt keine Kollektivschuld des Verrats den Juden zuschiebt. Vielmehr bildet der Judas-Charakter die Verzweifelung eines unterdrückten und ungerecht behandelten Volkes ab. Sogar Judas' Selbstmord bekommt einen gewissen Sinn, weil er die ultimative Freiheit des Menschen nachvollzieht, im Tod in Liebe mit anderen Toten vereint zu sein.

Die Meditation zum Säulenkapitel aus Vezelay, das Mario verlinkt hat, weist ja auch über den Tod Judas hinaus: Jesus trägt selbst den Selbstmörder noch auf den Schultern. Das sind beides viel tröstlichere und hilfreichere Judas-Interpretationen, als wenn Judas Jesus nur aus Geldgier verrät und danach aus Verzweifelung und Gram über seinen Verrat seinem Leben ein Ende setzt. Zitat aus der Meditation: "Judas ist in all seiner Tragik kein hoffnungsloser Fall.". Ein sehr tröstlicher Ostergedanke, wie ich finde.

Sancho
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TeddyGoesSantiago

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Re: Süddeutsche Zeitung: Zeit für die Entteufelung des Judas
« Antwort #2 am: April 05, 2018, 07:12:04 Vormittag »
Bischen Off-Topic, aber: Jesus trägt den SELBSTMÖRDER Judas....... und die Katholische Kirche verteufelt Selbstmörder ?!
Scheinmoral
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Mario d'Abruzzo

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Re: Süddeutsche Zeitung: Zeit für die Entteufelung des Judas
« Antwort #3 am: April 05, 2018, 09:53:36 Vormittag »
Scheinmoral

Oder Barmherzigkeit? Aber was heißt schon 'Die Kirche'? Der Vatikan ist nicht Nordkorea. Man tut den vielen Christen 'Guten Willens' Unrecht, wenn man die katholische Kirche immer nur auf die Hardliner reduziert.

Mario
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HaraldW

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Re: Süddeutsche Zeitung: Zeit für die Entteufelung des Judas
« Antwort #4 am: April 15, 2018, 18:55:34 Nachmittag »
Mir wird auch nicht ganz klar was Jesus, und das wofür er steht, mit der Kirche und insbesondere mit der katholischen Kirche zu tun hat.
Die Kirche spielt sich als einzig Auslegungsbefugte Instanz auf. Das ist sicher nicht im Sinne Jesu.
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Mario d'Abruzzo

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Re: Süddeutsche Zeitung: Zeit für die Entteufelung des Judas
« Antwort #5 am: April 15, 2018, 19:52:45 Nachmittag »
Die Kirche spielt sich als einzig Auslegungsbefugte Instanz auf. Das ist sicher nicht im Sinne Jesu.

Ich denke (noch) mal, man muss da unbedingt differenzieren: Die Kirche ist die Gemeinschaft der Gläubigen. Das geht bei orthodoxen Katholiken sogar so weit, dass sie den Evangelischen diesen Status 'Kirche' gerne absprechen würden. Es ist nur ein Teil dieser katholischen Kirche, der für sich die Berechtigung zur Auslegung der Heiligen Schrift beansprucht und dies aus der Bibel ableitet. Die 'Schlüsselübdergabe' an Petrus, den Fels. Auf den Jesus seine Kirche bauen will.

Die Kirche besteht aus vielen Menschen guten Willens und nicht nur aus den in Saus und Braus abgehobenen 'Würdenträgern'.

Mario
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donjojohannes

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Re: Süddeutsche Zeitung: Zeit für die Entteufelung des Judas
« Antwort #6 am: April 15, 2018, 20:02:53 Nachmittag »
Süddeutsche Zeitung: "Judas verdient eine Neubewertung"

Jesus beim Abendmahl (Mt 26,24): "Der Menschensohn muss zwar seinen Weg gehen, wie die Schrift über ihn sagt. Doch weh dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird. Für ihn wäre es besser, wenn er nie geboren wäre."

Jesus in seiner Abschiedsrede (Joh 17,12): "Solange ich bei ihnen war, bewahrte ich sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast. Und ich habe sie behütet und keiner von ihnen ging verloren, außer dem Sohn des Verderbens, damit sich die Schrift erfüllte."

Fazit: Die katholische Kirche ist böse (überhaupt wegen allem)!

Hmm.
Mein Jerusalemer Pilgertagebuch: www.4kmh.com

Mario d'Abruzzo

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Re: Süddeutsche Zeitung: Zeit für die Entteufelung des Judas
« Antwort #7 am: April 15, 2018, 23:48:39 Nachmittag »
Fazit: Die katholische Kirche ist böse (überhaupt wegen allem)!

Echt? Kommt das so bei Dir rüber? Für mich wirkt das völlig anders, eher positiv...

Aber mal ne Frage an Dich als Fachmann: Warum musste Jesus überhaupt durch Judas Escariot 'verraten' werden? Jeder wusste doch, wie er aussieht und wo er sich befindet?

Und noch ne Textstelle aus Bob Dylans 'With God on Our Side':

"Through many a dark hour
I've been thinkin' about this
That Jesus Christ was
Betrayed by a kiss
But I can't think for you
You'll have to decide
Whether Judas Iscariot
Had God on his side.
"

Mario
« Letzte Änderung: April 15, 2018, 23:54:22 Nachmittag von Mario d'Abruzzo »
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Kraxi

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Re: Süddeutsche Zeitung: Zeit für die Entteufelung des Judas
« Antwort #8 am: April 16, 2018, 07:42:00 Vormittag »
Ich habe da jetzt auch eine Frage an die Spezialisten.

Was war eigentlich der Grund, oder wieso gibt es die katholische Bewegung eigentlich , ab wann ist die katholische Bewegung erstmals aufgetaucht.
Den meines Wissens ist alles Christentum welches an Jesus, Maria und allgemein unseren Glauben bestimmt.
Irgendwann muss es zu einer Spaltung oder ähnlichem gekommen sein.
von Luther mal abgesehen.
Da fehlt mir ehrlich das Wissen, aber das Interesse ist vorhanden eben weil ich noch nicht dahintergekommen bin.
Liebe Grüße vom Kraxi

Es ist besser, geringe Taten zu vollbringen, als große zu planen.

Mario d'Abruzzo

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Re: Süddeutsche Zeitung: Zeit für die Entteufelung des Judas
« Antwort #9 am: April 16, 2018, 08:53:00 Vormittag »
Ich zitiere mal aus https://de.wiktionary.org/wiki/katholisch:

Die ursprünglische Bedeutung von 'katholisch' ist allumfassend.

"[1] „›Die lutherische Kirche‹, sagt Röder, ›ist ja auch katholisch – im Sinne von weltumspannend, aber nicht römisch-katholisch.‹“[3]"

"[1, 2] Die katholische Kirche versteht sich theologisch als die katholische Kirche: Nach ihrer Auffassung kann es nur eine katholische, das heißt universelle Kirche Jesu Christi geben, und in ihr selbst ist diese eine Kirche auf so einzigartige Weise verwirklicht, dass es keine andere[n] katholische[n] Kirche[n] geben kann.[4]"

"[2] „Da die Bezeichnung katholisch ohne Zusatz in Deutschland namensrechtlich geschützt ist, kann davon ausgegangen werden, dass damit stets eine Einrichtung der römisch-katholischen Kirche gemeint ist.“[5]"

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Einerseits finde ich es interessant, dass hier im Forum mal neben dem üblichen Frage-/Antwortspiel zum Wandern auch mal Religion als Thema aufgegriffen wird. Andererseits, mir ging es bei diesem Thread nur um einen interessanten Zeitungsartikel mit einem Bezug zum christlichen Osterfest. Wenn es jetzt in diesem eher negativen Ton weitergeht, werden die üblichen Verdächtigen vielleicht in Blockwart-Manier den fehlenden Bezug zum Pilgern ankreiden?

Mario
« Letzte Änderung: April 16, 2018, 09:04:27 Vormittag von Mario d'Abruzzo »
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Re: Süddeutsche Zeitung: Zeit für die Entteufelung des Judas
« Antwort #10 am: April 16, 2018, 12:48:47 Nachmittag »
Hallo Mario,
Die Angst habe ich nicht, das da Blockwarte eingreifen.
Ich bin es gewohnt in meinen anderen Foren das abgeschweift wird, aber das pendelt sich wieder ein.;-)


Liebe Grüße vom Kraxi

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